Noah2014 – Das Rätsel der Arche Noah

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Wo landete die Arche wirklich? – Fragen an einen Noah-Forscher

Interview im Magazin »Faszination Bibel«

14.7.2014

»Die Arche ließ sich nieder auf das Gebirge Ararat«, heißt es knapp in der Bibel. Damit scheint der Fall klar – wo der Berg Ararat ist, weiß man. Doch Timo Roller stieß auf eine andere Überlieferung und sucht den Landeplatz der Arche etwa 300 Kilometer weiter südlich. Für ihn ist das Thema nicht erst seit dem Hollywoodfilm über Noah interessant. In diesem Jahr hat Roller ein Buch zu dieser Frage herausgebracht. Ein Interview der Zeitschrift Faszination Bibel

Bei weitem nicht so spektakulär wie der berühmte, 5137 Meter hohe Vulkankegel Ararat: Die Cudi-Gebirgskette liegt am Nordrand der mesopotamischen Ebene und hat eine lange zurückreichende Tradition als mögliche Landestelle der Arche Noah.

Herr Roller, Sie glauben nicht, dass die Arche Noah auf dem traditionellen Berg Ararat in der Türkei gelandet ist. Wann kamen Ihnen zum ersten Mal Zweifel daran?

Das Thema hatte für mich nie eine Rolle gespielt und ich wusste lange Zeit überhaupt nicht, dass es da eine Alternative geben könnte. Bei den Recherchen zu meinem ersten Buch »Bible Earth« hörte ich davon und erwähnte den Berg Cudi als alternativen Landeplatz kurz. Ich habe mich später dann zunächst nur mit diesem Berg beschäftigt, als ich merkte, dass das sonst kaum jemand tat.

Damals haben Sie sich mit Satellitenbildern beschäftigt. Was haben Sie da gesehen?

Zunächst habe ich anhand des Google-Earth-Materials und einigen Fotos vom Berg Cudi die genaue Lage des ArcheLandeplatzes lokalisiert. Da war ich tatsächlich der Erste und habe damit einige Forscherkollegen aus Amerika einigermaßen beeindruckt. Auf den Satellitenbildern sieht man die Überreste von Ruinen, Zisternen und weiteren interessanten Stellen, die ich gerne vor Ort erkunden würde. Ich glaube, die Umrisse eines Klosters zu erkennen, das dort einmal existiert hat, und eine mögliche Position der Arche habe ich auch. Zugegebenermaßen: spekulativ und ohne Untersuchungen vor Ort nicht beweisbar.

Von diesen ersten Entdeckungen ausgehend, begleitet Sie die Frage nach dem »wahren Arche-Berg« schon seit Jahren. Was ist Ihre persönliche Motivation, sich so lange Zeit leidenschaftlich mit diesem Spezialthema zu befassen?

Es war Neuland. Kaum etwas war darüber zu finden. Dann gab es einen Impuls des amerikanischen Arche-Forschers Bill Crouse, ich solle doch den Deutschen Friedrich Bender besuchen, der auf dem Berg Cudi uralte Holzreste ausgrub. Mit der Zeit entstanden eine kleine Gemeinschaft und Kontakte in die Südosttürkei. Die Aussicht, dass ein großer Kinofilm über Noah aus Hollywood kommen würde, ließ den lange gehegten Traum vom Buch Wirklichkeit werden.

Haben Sie nun Beweise für die Arche Noah gefunden?

Was sind Beweise? Die komplette Arche aus dem Gletschereis habe ich nicht. Einige Amerikaner halten den Fund der erwähnten Holzreste, die der Geologe Friedrich Bender auf ein Alter von 6500 Jahre datiert hat, für einen wichtigen Beweis. Aber ein Skeptiker wird das ganz anders interpretieren. Mein »Beweis« ist das große Ganze: die historischen Zusammenhänge, antike Zeugnisse und Baureste, die sich aus biblischer Perspektive wesentlich besser interpretieren lassen als aus einer Weltsicht ohne Gott.

Nehmen Sie den Geologen Bender. Er war ein säkular denkender Wissenschaftler, der die Geschichte von der Arche für glaubwürdig hielt, sich andererseits aber eine Strandung auf dem Gipfel nicht erklären konnte. Diese Frage hat ihn bis zu seinem Tod nicht mehr losgelassen.

Einheimische bei den Klosterruinen auf dem Gipfel des Cudi Dagh. Bislang lag der Gipfel in militärischem Sperrgebiet; im Frühjahr 2013 war es dann möglich, hinaufzusteigen.

Bis zum Fuß »Ihres« Arche-Bergs sind Sie schon vorgedrungen, als Sie letztes Jahr im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung dort waren. Falls es Ihnen demnächst möglich wäre, auf den Gipfel des Cudi Dagh zu steigen: Was glauben Sie dort zu finden?

Kloster-Überreste, Zisternen und so weiter. Diese Strukturen müsste man überprüfen. Auf Fotos gibt es eine Inschrift, einen unterirdischen Keller – das alles müsste man genau untersuchen. Und es wäre spannend, ob man auch verkohlte Holzreste finden könnte – vielleicht direkt unter der Oberfläche des Gipfels. Möglicherweise haben Pilger Löcher hinterlassen, in denen sie gegraben haben. Berichte von kleinen Fundstücken, die als Glücksbringer verwendet wurden, gibt es bei Einheimischen; sie erwähnen auch lange Nägel.

Falls Ihre These stimmen sollte, dass die Bibel eher den Berg Cudi meint, wenn sie vom Gebirge Ararat spricht: Was für einen Unterschied macht das für den biblischen Bericht über die Sintflut?

Keinen großen. Für die Rekonstruktion der Menschheits- und Erdgeschichte aus biblischer Sicht ändern sich allerdings einige geografische und geologische Zusammenhänge. Der Berg Cudi besteht aus kreidezeitlichem Gestein und ist nicht wie der Ararat ein relativ junger Vulkan. Er liegt näher am Land Sinear – das ist Sumer, die erste Hochkultur. Und er liegt nur 300 Kilometer entfernt vom ältesten Heiligtum der Menschheit, Göbekli Tepe. Sein Gipfel liegt auf einer Höhe von 2100 Metern und damit sehr viel tiefer als der Ararat, der ja über 5000 Meter hoch ist. Dies ändert die Voraussetzungen für ein Landen der Arche nach der Flut sehr deutlich – und vor allem auch für das Entladen der Tiere.

Was sagen Sie einem Christen, der meint: »Für mich ergibt die Noah-Erzählung mehr Sinn, wenn ich sie als eine urtypische Menschheitserzählung verstehe, in der es um Glaubensaussagen geht. Wenn man die Arche Noah historisch beweisen will, geht das am eigentlichen Kern der biblischen Erzählung vorbei.«

Nun, es gibt verschiedene Arten von Christen. Manche können das völlig symbolisch und spirituell sehen. Andere verlieren ihren Glauben, wenn sie zum Schluss kommen, dass die Bibel ein Märchenbuch sei. Der jüdisch-christliche Glaube ist ein Glaube an die Geschichte Gottes mit den Menschen. Paulus wies Zweifler darauf hin, dass sie Zeugen der Auferstehung befragen könnten. Die historische und physische Auferstehung war für ihn entscheidend wichtig.

Und Geschichtsschreiber Josephus hat die Zweifler darauf hingewiesen, dass Trümmer der Arche zu seiner Zeit noch für jedermann zu sehen waren. Wenn wir ehrlich sind, ist die Aussage, dass Glaube und Wissenschaft unterschiedliche Ebenen der Realität seien, doch eine Kompromisslösung. Für mich ist sie unbefriedigend.

Über eine weltweite Flut berichten auch alte babylonische Texte. Ist das ein Beweis für die Bibel – oder zeigt es nur, dass die biblischen Schriftsteller vom Gedankengut ihrer Kultur beeinflusst waren?

Das ist die große Preisfrage! »Bibel oder Babel«? Für mich hat sich herausgestellt, dass die ersten Kapitel der Bibel sehr viel älter sind, als heute allgemein angenommen wird. Anstatt während der babylonischen Gefangenschaft im sechsten Jahrhundert vor Christus sind sie offensichtlich schon zu Lebzeiten Moses entstanden. Und wahrscheinlich hat er viel ältere Quellen dabei verwendet. So wurde bereits vermutet, dass die literarische Form, die bei Keilschrifttafeln üblich war, in den ersten Kapiteln der Bibel wiederzuerkennen ist. Im alten babylonischen Gilgamesch-Epos wurden starke politische und astrologische Bearbeitungsspuren festgestellt, die sich zum Beispiel in den Maßen der Arche ausdrücken. Eine Arche im Stile des Gilgamesch-Epos wäre gar nicht schwimmfähig gewesen. Nach den biblischen Angaben dagegen schon. Dort wird ein optimaler Schiffskörper beschrieben. Auch dies spricht dafür, dass die biblische Überlieferung ursprünglich ist.

Die meisten Wissenschaftler, die sich dieser Fragestellung annehmen, gehen davon aus, dass es sich um einen literarischen Mythos handelt, also um eine Geschichte mit nur geringen realistischen Ursprüngen. Ich glaube allerdings, dass tatsächlich ein Ereignis weltweiten Ausmaßes zu Grunde liegt und dass sich die Vertreter der verschiedenen Kulturen und damit die Autoren der antiken Schriften auf unterschiedliche Weise erinnert haben.

Welche Erfahrungen machen Sie in der Öffentlichkeit außerhalb der Kirche, wenn Sie auf die Arche und Ihr Buch angesprochen werden? Ist das eine gute Gelegenheit, auf die Aktualität der Bibel hinzuweisen? Oder muss man sich nur verteidigen, wenn man die Bibel geschichtlich ernst nimmt?

Auf mein Buch gibt es recht unterschiedliche Reaktionen. So unterschiedlich, wie die Leser sind. Die normalen Christen sind interessiert, weil die Arche-Suche irgendwie immer eine Rolle spielt. Das klassische »Indiana Jones«-Thema. Allerdings haben sich die meisten nie wirklich mit den Hintergründen und Zusammenhängen befasst, sodass sie hier unter Umständen Spannendes entdecken können.

Dann gibt es Nicht-Gläubige, die der Sache gegenüber recht gleichgültig, aber offen, eingestellt sind und die ganz interessiert zuhören und sich in Gespräche verwickeln lassen. Ich hoffe dabei, dass es langfristig Bewegungen in ihren Gedanken gibt, die vielleicht zu einem Glauben an Gott hinführen. Vielleicht gibt es bei manchen ein Aha-Erlebnis, dass sie für sich sagen können: Die Bibel ist vielleicht doch nicht nur ein Märchenbuch.

Und dann habe ich auch schon Erfahrungen gemacht mit sehr kämpferischen Atheisten, die mich durch den Kakao ziehen, und denen ich in einem Onlineforum ein paar sachliche Argumente mitgegeben habe. Einer will sich nun mit dem Buch beschäftigen. Ich bin gespannt ob mehr dabei herauskommt, als nur dumpfes und überhebliches Kreationisten-Bashing.

Hat Ihr eigener Glaube sich geändert durch die Beschäftigung mit der Sintflut und der Arche?

Ich habe gemerkt, dass ich ein sehr »kopflastiger« Mensch bin, der nicht nur mit dem Herzen glauben kann. Und ich habe auch gelernt, dies zu akzeptieren. Menschen sind unterschiedlich und glauben unterschiedlich. Wenn ich bei meinen Nachforschungen herausgefunden hätte, dass die Bibel, Gottes Wort, unzuverlässig ist, hätte ich vielleicht den Glauben abgelegt. Die Bibel will historisch verstanden werden, und auch Jesus hat sie so verstanden.

Ist das nicht ein riskanter Ansatz? Sobald Historiker einen Bericht der Bibel geschichtlich widerlegen können, geht Ihr Glaube baden? Produziert das nicht einen Zwang, Einwände gegen die Bibel auf jeden Fall widerlegen zu müssen? Ist das nicht ein Fass ohne Boden?

Für mich steht nicht das »Risiko« im Vordergrund. Ich bin da ganz zuversichtlich: Weil ich glaube, dass die Bibel von Gott kommt, rechne ich auch damit, dass ihr Inhalt stimmt. Unter diesem Vorzeichen stelle ich sie allerdings durchaus auf den Prüfstand und möchte sehen, was sich tatsächlich als stichhaltig erweist. Bei vermeintlichen Einwänden muss man auch überlegen, ob durch die Überlieferung, Übersetzungen oder das unterschiedliche kulturelle Verständnis der ursprüngliche Sinn verändert worden sein könnte. Manche Fragen muss man auch als unlösbar stehen lassen können. Vielleicht wird man die Dinge zu einem späteren Zeitpunkt klarer sehen. Für mich hat sich die Bibel gegenüber der Forschung als überraschend zuverlässig erwiesen.

Außerdem würde ich die Glaubwürdigkeit der Bibel nicht nur an der historischen Zuverlässigkeit festmachen. Das ist nur eine »Säule« unter anderen. Da sind zum Beispiel die übereinstimmende Botschaft sowie das ehrliche und stimmige Menschenbild der Bibel – trotz vieler unterschiedlicher Autoren, die ihre Bücher im Laufe vieler Jahrhunderte verfasst haben. Oder dass sich Prophezeiungen über den Messias oder über Israel buchstäblich erfüllt haben.

Gibt es eine Botschaft in der biblischen Erzählung von Noah, die auch heute noch aktuell ist?

Die Botschaft der Sintflut-Geschichte ist, dass die Menschheit böse ist und sich von Gott abwendet. Dies gilt auch heute noch. Aber der Regenbogen zeigte uns, dass es eine solche Strafe nicht mehr geben wird. Und trotzdem bestraft Gott Gottlosigkeit. Aus dieser Verlorenheit rettete damals die Arche. Für mich als Christ ist Jesus diese Rettung bis heute. Die Rettung geht immer von Gott aus, der Mensch muss nur vertrauen und seine ausgestreckte Hand erfassen. Und dann gehorsam handeln.

Dieses Interview ist in der Zeitschrift »Faszination Bibel«, Ausgabe 2/2014 erschienen. Mit freundlicher Genehmigung durch den SCM Bundes-Verlag.

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